Nachgefragt: Interview No.3 mit FreeBSD Comitter Martin Wilke

Im dritten Interview wenden wir uns dem FreeBSD Project zu, und dort auch gleich einem der Kernstücke, den Ports. Einer der eifrigsten Comitter hierbei ist Martin Wilke, aka miwi, welcher seit einiger Zeit beim FreeBSD Project dabei ist und sich durch seine Quantität als auch Qualität bezüglich der Ports einen Namen gemacht.

Aber genug der Einleitung, Martin wird uns den Rest in diesem Interview erzählen und etwas Einblick in das Projekt als auch in sein Privateleben gewähren.

grunix.de
Hallo Martin. Erzähl doch mal etwas von Dir. Die meisten kennen Dich ja nur als den Mann der Ports. Wie alt bist Du,...?

Martin Wilke
Mein Name ist Martin Wilke. Ich bin 27 Jahre alt und wohne in Preetz (bei Kiel). Neben meinem Hobby fuer FreeBSD habe ich eine Frau und 2 wunderbare Kinder im Alter von 5 und 9 Jahren.


grunix.de
Mit welchem System und welcher Hardware hat Dein persönliches Computerzeitlalter begonnen?

Martin Wilke
Mein erster PC war ein 386DX. Darauf war DOS und spaeter auch Windows 3.11 installiert.


grunix.de
Hast Du vor FreeBSD schon andere unixoide Systeme benutzt? Wenn ja welche?

Martin Wilke
Bevor ich FreeBSD benutzte, habe ich auch mit anderen *nixen experimentiert, z.B. NetBSD und auch DragonFly.


grunix.de
Was sind die Gründe weshalb Du FreeBSD einsetzt?

Martin Wilke
Ich benutze FreeBSD, weil es sich als das fuer meine Zwecke stabilste System herauskristallisiert hat. Bevor ich auf FreeBSD gekommen bin, hatte ich viel Zeit in Linux investiert. Mir gefiel spaeter der Weg, den Linux eingeschlagen hatte, nicht mehr.

Es zeichnen sich zwei, in meinen Augen negative, Entwicklungen ab:

1) Die Distributoren arbeiten darauf hin, dass man Linux installieren kann, ohne jedwede Ahnung von dem System darunter.

2) Der Kernel wird wegen der Masse an unterstuetzter Hardware immer groesser, worunter erwartungsgemaess die Stabilitaet leidet.

3) Als ich tiefer in die FreeBSD-Community eintauchte, stellte ich fest, dass hier viel weniger geflamed wird als bei Linux. Und gerade das liebe ich an der FreeBSD-Community.(natuerlich gibt es auch bei FreeBSD schwarze Schafe.)


grunix.de
Nutzt Du FreeBSD auch beruflich? Und wenn ja, welche Arbeit verrichtet es?

Martin Wilke
Ja, ich benutze FreeBSD auch beruflich. Es laeuft als Server-System, hauptsächlich als Web und Mail Server bei einigen Kunden.


grunix.de
Zurück ins Privatleben. Welches OS kommt hier zum Einsatz? Oder hat jedes Familienmitgleid sein "eigenes" OS?

Martin Wilke
Ich benutze auf meinem PC FreeBSD -CURRENT, meine Frau benutzt FreeBSD 6.2 Stable und bei den Kindern ist ein Dualboot-System installiert - Windows/FreeBSD. Allerdings hat sich das mit der Windows-Installation bald erledigt. Denn jedesmal wenn sie die Windowsplatte crashen werden es 1 - 2 GB weniger nach der Installation (irgendwie muss ich sie da ja mal wegbekommen).


grunix.de
Die Ports, undendliche Vielzahl. Nun sind wir bei fast 18.000 angelangt. Kannst Du den Lesern kurz erklären was ein Port ist, wie er aufgebaut ist und wie er funktioniert?

Martin Wilke
Das Portsystem - fuer viele ein Buch mit sieben Siegeln - ist das Kochbuch von FreeBSD. Es enthaelt Steuerungsdateien, die alle notwendigen Schritte enthalten, um aus einem Quellcodepaket (bei dem auch angegeben ist, wo es zu finden ist) ein in FreeBSD lauffaehiges Programm zu erhalten. Dabei ist es egal, ob es sich um eine Bibliothek handelt, die Funktionen zur Verfuegung stellt, oder ein Desktop Environment wie Gnome oder KDE. Hinzu kommt noch die Protokollfunktion des Ports-Systems. Hiermit ist eine rueckstandsfreie Deinstallation moeglich, und im Fehlerfall auch eine Nachverfolgung der Aenderungen und Einzelschritte. Erwaehnenswert ist dabei vielleicht der Umstand, das ein "Port" dabei durchaus von einer Vielzahl anderer "Ports" abhaengig sein kann. Dies wird ebenfalls in den Steuerungsdateien protokolliert. So ist es moeglich mit nur einem
Installationsaufruf alle notwendigen Ports zur Verfuegung zu stellen, ohne das der User noch weiter eingreifen muss (mit Ausnahme der evtl. notwendigen Parameter). Das minimiert natuerlich die Fehlerquote erheblich gegenueber anderen Systemen beispielsweise aus dem Linux- oder auch Windowsbereich.


grunix.de
Was ist dann deine Arbeit beim FreeBSD Project? Und seit wann bist Du dabei?

Martin Wilke
Ich bin seit 04. Juni 2006 Committer des FreeBSD-Projekts. Seitdem bin ich an vielen Baustellen beteiligt. An der einen mehr, an anderen weniger. Das faengt an bei den Ports, geht ueber die Ports-Security bis hin zur Dokumentation. In allen Bereichen gibt es sehr viel zu tun. Von Langeweile kann also nicht die Rede sein. Und natuerlich ist jede Hilfe willkommen - vor allem auch im Dokumentationsbereich.


grunix.de
Wie kann man sich die Anfangszeit vorstellen, wenn man dem Projekt beitritt? Wird man ins kalte Wasser geworfen oder bekommt man jemanden an die Seite gestellt?

Martin Wilke
Nein, natuerlich wird man nicht ins kalte Wasser geworfen. Man bekommt einen Mentor zur Seite gestellt, meist sogar einen Co-Mentor. Meine beiden Mentoren waren krion und markus. (Beides sehr nette Leute.) Es gibt am Anfang sehr viel zu lernen und zu beachten. Die Aufgabe des Mentors ist es, dem neuen Committer die Spielregeln des Projektes zu vermitteln. Als Mentor hat man die Aufgabe, zu kontrollieren, dass die Patches des neuen Commiters den Gepflogenheiten des Projektes entsprechen und natuerlich prueft man auch, ob die Patches fehlerfrei funktionieren. Es war fuer mich eine sehr aufregende Zeit als neuer Committer.


grunix.de
Wie viele Ports hast Du mittlerweile unter Deiner Hand, und wieviel Arbeit ist dies täglich?

Martin Wilke
Aktuell betreue ich ungefaehr 140 Ports. Viel Arbeit ist das eigentlich nicht. Die meiste Arbeit stecke ich in die Gnats- Datenbank, ich bearbeite neue Ports, mache Updates, behebe Fehler anderer Maintainer/Submitter, die keinen Commit-Bit haben (die Erlaubnis Pakete selbst einzupflegen). Die Arbeit macht viel Spass, man lernt taeglich etwas dazu. Und es macht sehr viel Spass mit Leuten aus der ganzen Welt zusammenzuarbeiten. Hier moechte ich noch einmal anmerken das ich mir mehr Maintainer wuenschen wuerde. Es gibt zwar einige, aber insgesamt doch recht wenige :-( Im Februar plane ich einen Maintainer-Tag. Einen solchen Maintainer-Tag hatten wir bereits letztes Jahr veranstaltet. Ich hoffe, dass wir das dieses Jahr erneut hinbekommen und diesmal etwas mehr Feedback erhalten.


grunix.de
Machst Du Deine Arbeit manuell, oder werden die Ports automatisch gebaut und überprüft? Wie ist dies technisch umgesetzt?

Martin Wilke
Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, das automatische Tools auch Fehler machen oder Fehler uebersehen koennen. Also habe ich mir angewoehnt beides zu machen. Einmal eine lokale Installation, um das Programm zu testen. Und dann teste ich es noch einmal in den Tinderboxen fuer amd64 und fuer i386. Aber natuerlich gibt es auch Scripte, um Ports zu testen oder zum automatiseren, z.B. ports-mgnt/porttools. Es ist eines der besten Tools fuer Porter und Maintainer.


grunix.de
Das dort viel Arbeit dahintersteckt sollte spätestens seit Deinem Aufschrei nach einem Urlaub in Alaska klar sein. Was sagt die Familie dazu und, wie sieht das Spendenkonto aus und wie kann man Dir etwas spenden?

Martin Wilke
Der Aufruf zur Spendenaktion war eigentlich Anfangs mehr aus Frust heraus geschrieben. Soviel Feedback, wie sich daraufhin einstellte, haette ich jedoch in meinen kuehnsten Traeumen nicht erwartet. Ich moechte mich auch an dieser Stelle nochmals bei allen bedanken, die fuer diesen Urlaub gespendet haben. Die aktuelle Spendensumme liegt derzeit bei 928 Euro. Spenden sind weiterhin ueber den Paypal-Button moeglich. Wer kein Paypal-Konto hat, kann die Kontonummer via Mail/IM/IRC erfragen.


grunix.de
Wo trifft man Dich täglich in der virtuellen Welt und wo kann man Dich einmal im wahren Leben treffen?

Martin Wilke
Im Netz trifft man mich in diversen Chats, z.B. im IRC, Jabber, ICQ oder Skype. Wer mich finden will, der findet mich ganz sicher auch. :-) All diejenigen, die mich im Real-Live treffen moechten, haben auf der naechsten SAGF (grosse Grillfeier) der Lug-Norderstedt gute Chancen. Naeheres dazu werde ich dann zu gegebener Zeit in meinen Blog veroeffentlichen. Eventuell schaffe ich es zum CLT oder nach Berlin zum LT (natuerlich am FreeBSD-Stand). Aber das wird sich eher kurzfristig entscheiden.


grunix.de
Ich danke Dir für Deine Zeit.

Martin Wilke
Sehr gerne!



Trackbacks

  1. FreeBSD: Interview mit dem Gott der Ports

    Martin Wilke sagt vielen vielleicht auf Anhieb nichts, bei miwi jedoch müßte es klingeln, insbesondere wenn man die Daemonen auf dem heimischen Rechner tagtäglich bändigt. Miwi, primus inter pares der Portcommiter, stieg mit Siebenm...

Kommentare

Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)

  1. jesse schreibt:

    Schönes Interview, vielen Dank für den guten Einblick.

    Besonders gefallen hat mir die Art und Weise, wie Martin seinen Kindern Windows abgewöhnt :-D


Kommentar schreiben


Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.